Zukunft der Energiewende

A wind turbine stands tall in a green field against a backdrop of blue sky and trees, symbolizing renewable energy.

Die Praktikersicht derjenigen, die früh in Sonnenenergie investiert haben, ist getrübt. Es nicht klar, wie der Weiterbetrieb nach Ablauf der EEG-Vergütung aussehen soll. Beispiele von Anlagen in der Region zeigen, dass bereits im letzten Jahr ca. 30 % der möglichen Jahresstrommenge abgeregelt (und vergütet) wurden. In diesem Jahr fanden teilweise die ersten Abregelungen bereits im Januar statt. Für die Freilandanlage in Türkfenfeld wurde bspw. im letzten Jahr im August ca. 50 % der möglichen Erzeugung wegen Netzengpässen abgeregelt. Hauptursache sind die vielen kleinen nichtregelbaren Dachanlagen. Sie verstopfen das 20 kV-Netz, also die regionalen Netze. Um das Netz stabil zu halten, werden die regelbaren Freilandanlagen großflächig abgeregelt. Eine Freilandanlage in Schwifting war 2025 das erste Jahr nach Ablauf der EEG-Vergütung in eine deutliche Verlustzone gerutscht. Für diese Anlagen gibt es zwei Lösungsansätze: Rückbau und Verschrottung oder der Grundstückseigentümer übernimmt die Anlage gegen Übertragung der Rückbaurücklage und versucht mit Kostenminimierung (Wartung, Versicherung etc.) die Anlage noch so lange weiterzubetreiben, wie keine größeren Schäden (z.B. Wechselrichter) auftreten. So sehen die konkrete Situationen für die Praktiker der Energiewende heute aus.  

Tatsächlich sind die Netze im Süden durch PV und im Norden durch Wind überlastet. Allerdings hilft Leitungsbau alleine zumindest bei PV nicht weiter. Wir haben inzwischen ca. 110 GW PV-Anlagen am Netz, bei Sonne können damit locker 80 GW Strom erzeugt werden – bei einer tatsächlichen Verbrauchsspitze von ca. 60 GW. Und dazu kommen ja noch Wind und Wasser. 
Auch für die Windkraft sollte der Effekt der Hochfrequenz-Leitungen von Nord nach Süde nicht überschätzt werden: Der Südlink hat eine Leistung von 4 GW. Das ist weniger als der Zubau der Windkraft in einem Jahr. Damit ist klar, dass Leitungsbau nicht die Lösung, sondern nur noch Begleitmusik ist. 

Was schlägt die heutige Bundesregierung vor?

Die Analyse von Frau Reiche ist größtenteils richtig. Ihre Folgerungen sind die Katastrophe!
Eigentlich wollte das Bundeskabinett vor ein paar Wochen das Netzpaket und die EEG-Reform beschließen. Doch das wurde verschoben. Und diese Verschiebung steht sinnbildlich für das, was da beschlossen werden soll: Denn die bisherigen Pläne, allen voran der Redispatch-Vorbehalt, lösen kein einziges Problem – sie verschieben sie nur. Ja, es gibt ein Problem: Wir werden den produzierten Strom manchmal nicht los. Es ist deshalb auch gar nicht falsch, wenn nicht vergütet wird, was nicht abgenommen werden kann. Das muss angegangen werden. Aber nicht, indem – wie geplant – der Zubau von Stromerzeugungsanlagen in so genannten Netzengpassgebieten (also häufig den attraktivsten Erzeugungsstandorten) de facto unterbunden wird, indem er möglichst unattraktiv, weil unkalkulierbar wird. Denn damit wird auch jeder Marktanreiz unterbunden. Smarte, innovative Lösungen werden unmöglich gemacht. Wir haben nicht ein Zuviel an Strom, sondern ein Zuwenig an Speicherung, Verteilung und Abnahme. Statt sich also nur dem vermeintlichen Zuviel zu widmen (und zu unterbinden), sollte sich die Bundesregierung lieber dem Zuwenig zuwenden – und das in drei Stufen:

1. Bevor nicht mehr zugebaut werden darf, sollte erstmal der Stromverbrauch angereizt werden. Durch die Digitalisierung der Verbrauchsstellen und durch flexible Netzentgelte. Ergebnis: Alle, die können, nutzen dann Strom, wenn viel da ist und die Preise niedrig sind. Das verschiebt die Lasten und entlastet die Netze. Eine komplett digitale Verbrauchsmessung brauchen wir ohnehin möglichst bald.

2. Nicht alle können ihren Verbrauch flexibel gestalten. Also brauchen wir Energiespeicher, in erster Linie Batterien, um Strom vorzuhalten. Das kostet den Staat auch nichts, denn die Batteriespeicher rechnen sich bereits heute ohne Zuschüsse oder Förderung. Besonders relevant wäre ein massiver Ausbau von netzdienlichen Speichern an den Netzverknüpfungspunkten (z.B. Umspannwerke)

3. Dann kommt die Sektorkopplung. Heißt, den Strommarkt nicht isoliert zu betrachten, sondern den Strom auch für Wärme, Mobilität und Industrie nutzbar zu machen. Um beispielsweise Düngemittel herzustellen oder fossile Energieträger dort zu ersetzen, wo ich nicht einfach auf Strom umstellen kann. Dafür ist grüner Wasserstoff der Grundstoff, dessen Herstellung ein großer Hebel für die flexible Anpassung des Stromverbrauchs an die Auslastung der Stromnetze ist. Das heißt Hochlauf der Elektrolyse, um Übermengen aus dem Netz zu bekommen. 

4. Deckelung der Einspeisung neuer, kleiner, ungeregelter Dachanlagen auf z.B. 30 % der Nennleistung – mit Vergütung. Damit würde es sinnvoll, die Hausspeicher netzdienlich zu steuern. Auch optionale Anschlußregelungen für Post-EEG-Anlagen mit Vergütungsanspruch bei Deckelung der Einspeisung auf z.B. 30 % oder 40 % der Nennleistung oder die optionale Änderung von Bestandsanlagen während der EEG-Laufzeit wären zu diskutieren, z.B.  Vergütungsbonus gegen Deckelung der Einspeisung auf z. B. 50 % der Nennleistung.

Wenn wir diese Stufen gehen, brauchen wir keinen Ausbau verhindern. Im Gegenteil: Wir schaffen einen noch größeren Wirtschaftszweig, halten die Erzeugung und die Wertschöpfung hier in Europa. Der Ansatz von Reiche, in Gebieten mit Netzengpässen KEINE Vergütung mehr zu bezahlen, ist das Ende für den Ausbau – es ist keine betriebswirtschaftlich sinnvolle Finanzierung mehr machbar. 

von Manfred Sengl und Hans Aigner