Die Energiewende in Deutschland steht an einem kritischen Punkt. Einerseits ist der Ausbau der erneuerbaren Energien ein Erfolg: Rund 110 GW Photovoltaikleistung sind inzwischen installiert. An sonnigen Tagen könnten damit heute in den Mittagsstunden bereits deutlich über 80 GW Strom erzeugt werden – bei einer tatsächlichen Verbrauchsspitze von etwa 60 GW. Zusammen mit Strom aus Wind, Biomasse und Wasserkraft zeigt sich: Deutschland hat längst kein grundsätzliches Erzeugungsproblem mehr.
Andererseits geraten die Stromnetze zunehmend an ihre Grenzen. Besonders im Süden Deutschlands überlasten Photovoltaikanlagen die Netze, im Norden sorgt die Windkraft für ähnliche Engpässe. Die Diskussion um die von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche angekündigte EEG-Reform und das sogenannte Netzpaket trifft daher einen realen Problemdruck. Doch die vorgeschlagenen Lösungen drohen aus Sicht vieler Praktiker genau die Falschen zu sein.
Die Realität vor Ort: Abregelung statt Energiewende
Wer früh in Solarenergie investiert hat, konnte sich auf die für 20 Jahre vereinbarte EEG-Vergütung verlassen. Für Dachanlagen mit einem größeren Anteil an Eigennutzung ist die Wirtschaftlichkeit auch weiterhin gegeben. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Anlagen ohne Eigennutzung verschlechtern sich aber spürbar – insbesondere für kleinere Freiflächenanlagen und sogenannte Post-EEG-Anlagen, deren garantierte Vergütung ausläuft.
Konkrete Beispiele aus der Region zeigen die Dimension des Problems: Bereits im vergangenen Jahr wurden bei einzelnen Anlagen rund 30 Prozent der möglichen Jahresstrommenge abgeregelt – wohlgemerkt vergütet, aber technisch ungenutzt. In diesem Jahr begannen erste Abregelungen teilweise bereits im Januar.
Besonders drastisch zeigt sich die Situation bei Freilandanlagen- auch in unserem Landkreis: Dort mussten im August vergangenen Jahres rund 50 Prozent der potenziellen Stromerzeugung wegen Netzüberlastungen abgeschaltet werden. Ursache sind häufig die vielen kleinen, ungeregelten Dachanlagen, die das regionale 20-kV-Netz stark belasten. Um die Netzstabilität zu sichern, werden dann vor allem die regelbaren Freiflächenanlagen vom Netz genommen.
Für Betreiber älterer Anlagen wird die Situation existenziell. Sie müssen ihren Strom am freien Markt verkaufen. Im April lag der Preis hier bei 1,3 Cent. Eine Freilandanlage im Nachbarlandkreis rutschte bspw. nach Auslaufen der EEG-Vergütung 2025 erstmals deutlich in die Verlustzone. Für solche Anlagen bleiben faktisch oft nur noch zwei Optionen:
- die Übernahme durch eine Einzelperson mit maximaler Kostensenkung beim Weiterbetrieb – solange keine größeren Schäden auftreten
- oder. Rückbau und Verschrottung
Diese Beispiele zeigen: Ein Fortschreiten der Energiewende scheitert derzeit nicht an mangelnder Erzeugungskapazität, sondern an fehlender Systemintegration.
Leitungsbau allein reicht nicht mehr
Zwar wird der Netzausbau weiterhin politisch stark betont, doch seine Wirkung wird zunehmend überschätzt. Der viel diskutierte SüdLink beispielsweise soll rund 4 GW Übertragungsleistung bringen. Das entspricht weniger als dem jährlichen Zubau der Windkraft.
Auch bei der Photovoltaik löst zusätzlicher Leitungsbau das Grundproblem nicht: Strom fällt regional und zeitgleich an – insbesondere mittags bei hoher Sonneneinstrahlung. Die Engpässe entstehen vor allem in den Verteilnetzen, nicht allein im Übertragungsnetz.
Leitungsbau bleibt notwendig. Aber er ist inzwischen eher Begleitmusik als zentrale Lösung.
Die Analyse stimmt – die Konsequenzen nicht
Die Bundesregierung erkennt Teile des Problems durchaus richtig. Die Analyse von Bundeswirtschaftsministerin Reiche, dass Strom zeitweise nicht abgenommen werden kann und Redispatch-Kosten steigen, ist nachvollziehbar.
Problematisch sind jedoch die daraus abgeleiteten politischen Konsequenzen.
Nach den bisherigen Überlegungen soll der Ausbau neuer Anlagen in sogenannten Netzengpassgebieten wirtschaftlich unattraktiv gemacht werden – etwa durch Einschränkungen bei der Vergütung. Genau das würde jedoch Investitionen massiv gefährden. Wenn Betreiber nicht mehr kalkulieren können, ob und wann eingespeister Strom vergütet wird, wird keine belastbare Finanzierung mehr möglich sein.
Das Ergebnis wäre faktisch ein Ausbaustopp gerade in den produktivsten Regionen.
Dabei liegt das eigentliche Problem nicht in einem „Zuviel“ an Strom, sondern in einem „Zuwenig“ an Flexibilität: zu wenig Speicher, zu wenig intelligente Steuerung, zu wenig flexible Nachfrage und zu wenig sektorübergreifende Nutzung.
Vier Schritte für eine funktionierende Energiewende
Statt den Ausbau zu bremsen, braucht Deutschland jetzt den nächsten Systemschritt der Energiewende.
1. Flexible Stromnutzung ermöglichen
Bevor neuer Ausbau eingeschränkt wird, sollte zunächst der Stromverbrauch flexibilisiert werden. Voraussetzung dafür sind digitale Stromzähler, flexible Netzentgelte und variable Strompreise.
Wenn Verbraucher und Unternehmen gezielt dann Strom nutzen, wenn viel erneuerbare Energie verfügbar ist, werden Lastspitzen geglättet und Netze entlastet. Die Digitalisierung der Verbrauchsstellen ist dafür ohnehin überfällig.
2. Energiespeicher massiv ausbauen und netzdienlich betreiben
Nicht jeder Verbrauch lässt sich flexibel verschieben. Deshalb braucht Deutschland deutlich mehr Batteriespeicher – insbesondere netzdienliche Großspeicher an Umspannwerken und Netzverknüpfungspunkten.
Bemerkenswert dabei: Batteriespeicher rechnen sich inzwischen vielfach bereits ohne staatliche Förderung. Hier könnte schnell und marktwirtschaftlich Kapazität entstehen. Voraussetzung: Planungssicherheit für die Betreiber und klare Zugangsregeln für die Stromnetze.
3. Strom stärker sektorenübergreifend nutzen
Die Energiewende darf nicht isoliert als Stromthema betrachtet werden. Strom muss stärker in Wärme, Mobilität und Industrie integriert werden.
Besonders wichtig ist dabei der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Elektrolyseure können gezielt dann laufen, wenn große Mengen erneuerbarer Energie verfügbar sind. Sie stabilisieren damit das Netz und schaffen gleichzeitig die Grundlage für klimaneutrale Industrieprozesse.
4. Kleine Dachanlagen netzdienlich steuern
Ein besonders wichtiger Punkt betrifft die vielen kleinen, heute oft nicht regelbaren Dachanlagen. Sie tragen erheblich zu regionalen Netzüberlastungen bei.
Diskutiert werden sollte deshalb eine Begrenzung der Einspeisung neuer kleiner Anlagen – beispielsweise auf 30 Prozent der Nennleistung – bei gleichzeitig garantierter Vergütung. Dadurch entstünde ein echter Anreiz, Batteriespeicher netzdienlich einzusetzen und Eigenverbrauch zu optimieren.
Auch für bestehende Post-EEG-Anlagen könnten freiwillige Anschlussregelungen sinnvoll sein: etwa Vergütungsmodelle gegen begrenzte Einspeisung oder flexible Weiterbetriebsoptionen in Kombination mit netzdienlichen Batteriespeichern.
Fazit
Deutschland hat die erste Phase der Energiewende erfolgreich gemeistert: den Ausbau der erneuerbaren Erzeugung. Jetzt beginnt die deutlich schwierigere zweite Phase – die intelligente Integration dieser Energie in das Gesamtsystem.
Wer jetzt allein auf Einschränkungen, Unsicherheit und Ausbaubremsen setzt, riskiert nicht nur Investitionen, sondern auch die Akzeptanz der Energiewende insgesamt.
Die Erfahrungen der Praktiker zeigen deutlich: Nicht der Ausbau der erneuerbaren Energien ist das Problem, sondern das Fehlen eines flexiblen, digitalen und speicherfähigen Energiesystems. Genau dort müsste die Politik jetzt ansetzen.
Verfasser des Beitrags sind Manfred Sengl, Leiter Arbeitskreis Energie des Kreisverbandes Fürstenfeldbruck und Hans Aigner, erfahrener Praktiker der Energiewende. Für weitergehende Informationen empfehlen wir den AK Energie des Kreisverbandes, der sich am Donnerstag, den 16. Juli um 19 Uhr in „Dein RAUM“ in FFB zum nächsten Treffen versammelt. Kontakt AK Energie: Manfred Sengl (msengl@posteo.de)